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Mittwoch, 18. November 2009

Artikel: Einfachheit ist nicht so leicht!

In unserer heutigen Welt kann man wirklich nicht mehr von Einfachheit reden. Braucht man eine neue Musikanlage, sollte man sich meistens den Techniker zur Einweisung dazu bestellen, damit man auch ja die umfangreiche Gebrauchsanweisung richtig versteht. Das gute, alte Telefon ist auch bald out, denn heute funktioniert das über das B1-Netz (oder wie immer das heißen mag...) oder per Fax. Und wer das Email noch nicht kennt, hat wohl die Hälfte der Welt verpennt...


Achtjährige Kids hantieren mit dem Super-Nova-Mega-Output-Nintendo besser als ein Spielsüchtiger am Flipperautomaten, und die Satellitenantenne muß auch installiert werden, damit jeden Abend 22 Programme gleichzeitig gesehen werden können (wie auch immer das gehen mag...).


Wir meinen, daß wir ja ach so  zivilisiert und fortschrittlich sind, und sehen nicht, daß wir dabei zurück gehen. Jeden Tag ein Stückchen mehr, wenn wir uns in dem Wusel der Möglichkeiten verstricken. Und dabei lachen wir dann noch über die Leute in Indien und anderen „armen“ Ländern dieser Erde, die von allen unseren ach so tollen Möglichkeiten keinen blassen Schimmer haben.


Dann gibt’s da aber auch die andere Möglichkeit, die einige von uns manchmal gern nachvollziehen möchten, um zum Beispiel wie Buddha zur Erleuchtung zu gelangen. Da muß doch was dran sein, sich selbst so zu kasteien, asketisch zu leben und den ganzen Tag unterm Baum zu meditieren... Vielleicht ist das der schnellste Weg nach oben, wenn man sich noch nicht ganz entschlossen hat, hier weg zu gehen.


Nun denn, ich bin auch einer dieser Typen, die (vorübergehend) die Nase von der materiellen Welt gestrichen voll hatten, bedeutet sie doch immer Kampf, Geld- und Existenznöte, Versagensängste, Erfolge und auch Niederlagen. Und da unterschrieb Leonard Orr seine an mich gerichteten Briefe immer mit „In Wahrheit, Einfachheit und Liebe“ – was mich natürlich ins Grübeln brachte. Und ich in meiner Einfachheit wollte seine Einfachheit kennenlernen und machte mich auf den Weg in die USA. Erschöpft nach 30 Stunden Flug- und Fahrtzeit dachte ich, in seinem Trainingszentrum ein komfortables Kuschelbettchen vorzufinden.


Haha, weit gefehlt, wie ich feststellen mußte – und wurde als aller erstes mit meiner westlichen Kompliziertheit konfrontiert. Da mußten wir uns zu Beginn des zehntägigen Trainings erst mal unsere eigenen Dhunis bauen... – ein kleines „Haus“ aus vier Pappwänden mit einem durchlässigen Pappdach, einer ziemlich harten Holzpritsche zum Schlafen und einer Feuerstelle in der Mitte.


Na, prima – so hatte ich mir die Einfachheit eigentlich nicht vorgestellt. Klar, daß dabei Gefühle von wegen „ich kriege nicht genug>“, „was soll das hier eigentlich werden?“, „da bezahl ich nun so viel Geld dafür...“ und so weiter an die Oberfläche kamen. Leonard in seiner Lockerheit grinste nur fröhlich und meinte: „Einfachheit ist gar nicht so einfach...“, und ließ mich mit meinen Gefühlen stehen – war ich doch ein geübter Atmer und konnte allein damit umgehen...


Nach einer Woche Einfachheit (leben im Dhuni, fasten, Karma-Yoga, tägliche Feuer- und Wasserrituale und anderes) wollte ich dann aus dieser Einfachheit gar nicht wieder heraus. Ich hatte gar keine Lust mehr, mich wieder an die vertechnologisierte Welt da draußen zu gewöhnen. Aber ich mußte, denn Einfachheit in der heutigen Welt hat ihren Preis...


Beendet war die Auseinandersetzung mit diesem Thema allerdings nicht, hatte sie doch weitreichende Konsequenzen für meinen Alltag mit sich gebracht – und es ist wirklich nicht so leicht, die Kompliziertheit wieder loszuwerden. Monatelang war ich in der einen oder anderen Form mit Einfachheit beschäftigt.


Unter anderem beschäftigte mich dann auch eine Verletzung am Fuß in Beziehung auf Einfachheit sehr. Zweieinhalb Jahre hatte ich von guten Ratschlägen über Homöopathie bis hin zu Hautärzten so einiges damit veranstaltet – ohne eine Besserung zu bewirken. Auch geistige Arbeit als letzte aller erkennbaren Möglichkeiten zeigte keinerlei Auswirkungen, und ich grübelte, was wohl Einfachheit auslösen könnte: Sollte ich nur noch dicke Socken tragen, oder lag die einfache Lösung des Problems woanders?


Einige Tage später unterhielt ich mich mit einer Kosmetikerin, die auch Fußpflegerin ist. Sie besah sich die Stelle, meinte, das wäre leicht behebbar, und wir machten einen Termin aus. Sie hantierte eine Dreiviertelstunde an meinem Fuß herum, und – siehe da! – ich konnte sofort wieder richtig laufen! Zuerst dachte ich an ein Wunder oder so was, hüpfte vor Freude wegen meiner wiedergewonnenen Fußfreiheit wie ein kleines Kind durch den Park.


Dann aber wurde mir klar, daß es ein Wunder war, daß ich endlich zu meiner Einfachheit durch einfaches Denken zurückgefunden hatte. Ich glaube, diese Lektion habe ich gelernt – und hoffe, daß ich bei der Einfachheit bleiben kann, was ja bekanntermaßen nicht ganz so einfach ist, wie es sich anhört... Morgen jedenfalls kaufe ich mir einen Geschirrspüler...


(c) Gudrun Anders, Aachen

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