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Mittwoch, 23. Dezember 2009

Kurzgeschichte: Jeden Tag anders sein!

oder: 

Wie mein Name zu meinem Lebensinhalt wurde

Glauben Sie mir, bitte, für mich war es eine ungeheure Strafe mit dem Namen „Anders“ geboren worden zu sein!
 
Nicht nur, das ich es als Kind hasste, immer die Erste in der Namensliste meiner Klassenkameraden zu sein, nein, auch die vielen Späßchen, die mit diesem Namen getrieben wurden, hingen mir schon sehr früh in meinem Leben - im wahrsten Sinne des Wortes - aus dem Hals heraus. Nämlich immer dann, wenn wieder einmal ein Spaßvogel auf meine Kosten seine Witzchen treiben wollte: „Na, wie heißen wir denn heute? Anders als gestern?“

Oder: „Oh, du heißt anders. Ich auch. Und wie heißt du denn nun?“ Blöde Frage... - „Ich heiße Anders!“ Und dann die noch blödere Antwort: „Ja, das hab’ ich schon verstanden, ich wollte ja auch wissen, wie du wirklich heißt!“

„Ich heiße wirklich Anders. Anders groß geschrieben natürlich...“ „Ach, so. Sag doch gleich, dass du anders heißt, Anders!“ Würg... – denn nach dem einhundertundeinten Mal kann man – selbst als Gemütsmensch mit einer riesigen Portion Geduld – diese blöden Sprüche nicht mehr hören.

Jedes Mal, wenn mich als Teenager jemand auf meinen Namen ansprach, würgte ich das sich anbahnende Gespräch bereits im Vorwege ab: „Ich weiß, was du sagen willst... – Ich hab mir den Namen auch nicht ausgesucht. Ich heiße eben so und nicht anders – und damit basta!“ Die meisten gingen mit einem verschämten Kichern und einer Bemerkung wie etwa: „Frau Anders ist wieder ganz anders heute“ davon...

Ein wenig anders (schon wieder dieses Wort...) wurde es, als ich in jüngeren Jahren mit einem Freund eine Fahrradtour durch die deutschen Lande machte. Wir radelten fröhlich und beschwingt durch ein ruhiges, verträumtes Örtchen, als mein Blick plötzlich auf ein kleines, am Ortsrand gelegenes, Geschäft fiel. Ein richtiger kleiner „Tante-Emma-Laden“ mit vielen Geschenkartikeln in der Auslage. In großen Lettern stand dort am Schaufenster etwas, was ich lange bewundernd ansah. Ich konnte meinen Blick kaum noch von den roten Leuchtbuchstaben abwenden: „ANDERS ALS ANDERE!“

Irgendwo tief in meinem Inneren regte sich in diesem Moment etwas, was ich nie zuvor gefühlt hatte. Ein neuer, nie zuvor gedachter Gedanke schlich sich langsam, aber sehr kraftvoll, in meine schier endlosen Gehirnwindungen hinein: „Da gab es offenbar Menschen, die das Anders-Sein akzeptieren konnten! Mehr noch: Sie warben sogar noch öffentlich damit!“

Ich war ziemlich sprachlos ob dieser - für mich - neuen Sichtweise der Dinge und verbrachte den Rest des sommerlichen Nachmittags mit Grübeleien über das Für und Wider meines Namens.

Vielleicht sollte ich aus meiner Last eine Stärke für mich machen! Vielleicht sollte ich einfach meine Taktik ändern und mich nicht mehr über dumme Sprüche bezüglich meines Namens aufregen, sondern endlich anfangen, den Namen zu akzeptieren und das Beste daraus machen! Vielleicht sollte ich einfach dazu stehen, anders zu sein und es auch genießen!

Nun, ganz so einfach ist das natürlich nicht. Meistens ist es leichter gesagt als umgesetzt. Und abgesehen davon, dass ich meine guten Vorsätze schon wenig später fast wieder vergessen hatte, wurde das Ganze ja auch nicht von allein besser. Ich musste aktiv an der Umgestaltung mitwirken, wenn ich etwas bewirken wollte!

Bei darauf folgenden Anders-Zwischenfällen erinnerte sich ein kleiner Teil in mir daran, dass ich die Sache anders (...) sehen wollte. Ich versuchte künftig meine Wut über das Anders-Sein und die blöden Wortspielereien runter zu schlucken und konterte geschickt: „Nicht viele haben das Glück, anders sein zu dürfen! Ich jedenfalls habe es!“

Das ich mich erst nach vielen Versuchen auch wirklich gut damit fühlte, muss ich, glaube ich, nicht erst erwähnen. Es dauerte seine Zeit, bis es auch bei mir mehr als nur ein dahin gesagter Spruch war und ich wirklich tief in mir fühlte, was ich sagte.

Viele Jahre später lernte ich meinen ersten Mann kennen – und mit ihm einen Menschen, der ebenfalls mit seinem Namen zu kämpfen hatte, denn wer, bitte, versteht schon „Parnefjord“ aus dem Mund eines eingedeutschten Schweden richtig?

Ich weiß heute nicht mehr, wie viele unzählige Male dieser Name von meinem damaligen Mann buchstabiert worden ist, damit das verständnislose Gegenüber die kleine Chance bekam, wenigstens ein bisschen zu verstehen, wie er hieß, aber es war wirklich oft, sehr oft!

Als wir heiraten wollten und uns Gedanken darüber machten, wie ich nach der Hochzeit heißen würde, geriet ich allerdings in ein unerwartetes emotionales Dilemma. Hätte ich mich Jahre zuvor noch spontan entschieden, meinen Namen sofort und unwiderruflich auf den Namen meines zukünftigen Mannes – egal, welchen Namen dieser auch tragen mochte... - zu ändern, so bot mir mein zukünftiger Ehename nicht wirklich eine angenehme und akzeptable Alternative. Oder um es korrekter auszudrücken: Dieser Name war definitiv KEINE Alternative zu dem, was ich bisher hatte.
War es wirklich besser „Parnefjord“ zu heißen als anders?(Entschuldigen Sie bitte diesen Tippfehler, hier muss „anders“ natürlich groß geschrieben werden... Ich lasse ihn nur deshalb stehen, damit Sie auch wirklich ein Gefühl dafür bekommen, wie ausgesprochen blöd es ist, Anders - anders - zu heißen...)

Nach einigen Wochen Bedenkzeit entschied ich mich dafür, meinen Nachnamen auf Anders-Parnefjord zu ändern. Mittlerweile war mir der Name „Anders“ doch so ans Herz gewachsen, dass ich ihn nicht mehr aufgeben konnte – und das trotz der vielen Späßchen, die damit getrieben wurden. Der Gewöhnungspegel daran war in mehr als 28 Jahren doch ziemlich gewachsen. Und das Parnefjord-Spielchen des ewigen Buchstabierens wollte ich ebenfalls nicht spielen. Zumindest, so dachte ich, würden die Menschen nun endlich begreifen, dass ich einen vernünftigen Nachnamen habe und Ihre Witzchen darüber lassen.

Allerdings hatte ich nicht mit der Kreativität der Menschen gerechnet... Zwar ließen die Sticheleien bezüglich des Namen „Anders“ drastisch nach, aber was so alles an Wortkreationen und Namensneuschöpfungen zu Tage kam!

Da wurde ich zum Beispiel als „Frau Pjannefond“ bezeichnet, oder - noch besser - als „Frau Andreas Pannenfreund“. Auch die Kreation „Pahnefrosch“ hat mir ziemlich gut gefallen, ganz zu Schweigen von „Parma-Ford“, wie auch immer dieses neue Schinken-Auto aussehen mochte...

Sie lachen? Prima, ich fand es auch recht witzig... – einige Jahre später und mittlerweile des Buchstabierens dieses Namens mächtig! Wie auch immer – ich gewöhnte mich auch noch an diese neuen Namensspielchen mit vielen neuen Späßchen (man glaubt ja gar nicht, wie einfallsreich manche Mitmenschen so sein können...) und arbeitete wieder an meiner persönlichen Akzeptanz meines so Seins und Heißens.

Jahre später – ich beschäftigte mich inzwischen aufgrund einer Sinnkrise ein bisschen mit Esoterik und möglichen Hintergründen für unser Dasein – traf ich einen älteren, weißbärtigen Mann, der mir einiges zu meinem Namen zu sagen wusste. So meinte er unter anderem, dass mein Vorname Gudrun etwas damit zu hätte, dass ich das Wort Gottes verbreiten sollte. Er leitete dies aus den Wortstämmen „Gud“ für „Gott“ und „run“ als Sinnbild für „Runen“ („Wort“ oder „geheime Weisheit“) ab. Und meinem Geburtsnamen „Anders“ sollte ich doch bitte alle Ehre machen und meine schon vorhandenen Gedanken dazu in die Tat umsetzen...

Ein wenig später durchlief ich einige unterschiedliche Ausbildungen im Bereich der alternativen Heilmethoden und damit verbunden waren viele therapeutische Sitzungen, die mir halfen, weiter in mein innerstes Wesen vorzudringen, zu dem, was ich wirklich war oder zumindest gern hätte sein wollen.

Der Effekt, den diese Ausbildungen auf mein weiteres Leben hatten, war nicht zu unterschätzen, denn ich wurde mit mir und meiner Welt aufrichtiger und wesentlich ehrlicher zu mir selbst. Aufrichtiger auch im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich unterzog mich einer sehr intensiven Rückenschule, um meine seit Kindesbeinen an nach vorn gekrümmte Wirbelsäule wieder aufzurichten.

Vielleicht war es – im Nachhinein betrachtet – auch die Last meines Namens, unter der ich als Kind und Jugendliche schwer zu leiden hatte, die mich eine buckelige Haltung einnehmen ließ, was in jüngeren Jahren ein weiterer Leidensfaktor für mich gewesen war. Mehr als nur einmal nannte man mich scherzhaft „Buckel-Gudrun“; nach meinen ständigen Rückschmerzen hat sich jedoch nie jemand erkundigt.

Aber all diese Therapien hatten auch etwas sehr Gutes für mich: Ich war nach vielen Jahren der Unterdrückung meiner Gefühle und Emotionen endlich in der Lage, diese besser zu fühlen, sie auszudrücken und auszuleben. Was zur Folge hatte, das ich nicht mehr jeden Tag kontrolliert und für meine Umwelt berechenbar war, sondern mich in einem ständigen Wechselbad der Gefühle befand – mal so, mal so. Mal traurig und depressiv, mal ruhig und zurückgezogen und mal himmelhoch jauchzend und überglücklich.

Freunde von mir, die mich und meine Berg- und Talfahrten amüsiert betrachteten, ließen sich dann auch zu der Kreation: „Na, sind wir heute mal wieder etwas anders, Frau Anders?“ hinreißen, die mir noch bis heute wie ein uraltes, durchgekautes, lang nicht mehr schmeckendes Pfefferminz-Kaugummi zwischen Zeigefinger und Daumen anhaftet. Gott sei Dank konnte ich zu diesem Zeitpunkt auch endlich so lange darüber lachen, bis uns allen die Tränen über die geröteten Wangen rollten.

Und mit diesen extremen Stimmungsschwankungen trat ein merkwürdiges Phänomen in mein Leben: Die scheinbare Stagnation meines Lebensflusses - ich hatte lange das Gefühl, irgendwie nicht von der Stelle zu kommen - hatte ein Ende. Die Welt um mich herum drehte sich irgendwie immer schneller und schneller. Und immer mehr passierte in immer kürzerer Zeit. Emotionsgeladene Situationen häuften sich, reihten sich aneinander wie die scheppernden Wagen einer Achterbahn im Sturzflug - und das Leben fuhr mit mir auf derselben.

Zu dieser Zeit hatte ich eine Freundin, die gleich um die Ecke arbeitete und die ich natürlich jeden Tag sah. Als ziemlich verstandes-orientierter Mensch lächelte sie oft belustigt über meine kleineren und größeren Gefühlswallungen, die sich wie eine Welle hätten ausbreiten sollen oder können, in Wahrheit aber eher einem Tsunami entsprachen. Aber auch sie gewöhnte sich ein bisschen daran und schaute mir oftmals ein wenig argwöhnisch entgegen, wenn sie wieder einmal eine Sturmflut erwartete und schnell davor in Deckung hechtete...

Als diese Springfluten langsam abebbten und ich wieder ein wenig ruhiger und gelassener wurde, fing sie sogar an, es zu vermissen. Und so sagte sie eines Tages zu mir: „Gudrun, ich habe mich so sehr daran gewöhnt, dass du jeden Tag anders bist, dass ich es vermisse, wenn du mal nicht anders bist, Frau Anders! Kannst du nicht wieder jeden Tag anders sein und dem Namen ‚Anders’ alle Ehre machen? Das war irgendwie viel schöner...“

Und in diesem Moment – im Bruchteil einer Milli-Sekunde - machte etwas ‚pling’ in meinem Kopf! Es war o.k. anders zu sein. Und es war auch o.k. anders als andere Menschen mit Gefühlen umzugehen, denn das macht unsere Andersartigkeit doch erst aus! Es war o.k. anders zu denken, anders zu sein, anders zu handeln.
 
Es war o.k. den eigenen, ganz persönlichen und individuellen Lebensweg zu gehen, der anders (!) ist als der der anderen.

An diesem Tag hatte ich mein neues – und eigentlich geniales – Lebensmotto vollständig akzeptiert: „Ich bin anders als die anderen. Ich bin jeden Tag anders. Ich bin Frau Anders. Ich bin Anders (anders) – und das ist gut so!“

Und mein Lebensmotto – und damit mein Leitspruch für mein weiteres Leben – wurde: „Jeden Tag anders sein!“ Das geht sogar so weit, dass meine persönliche Email-Adresse „jedentaganders“ lautet und auch eine Webseite habe ich mir mit diesem Namen zugelegt.

Was ich Ihnen mit diesen kleinen, sehr persönlichen Beispielen aus meinem eigenen Leben nahe bringen wollte, ist, dass wir alle anders (!) sind und es keinen Grund gibt, den oder die anderen über die Andersartigkeit auszulachen.

Jeder von uns hat mit der Andersartigkeit des oder der anderen (gelegentlich) zu kämpfen. Der eine ist schwarz, der andere weiß. Der eine ist groß, der andere dafür sehr klein. Einer ist behindert und der andere ist es nicht. Niemand ist besser oder schlechter, nur weil er ‚anders’ ist.

Wir alle haben unser Päckchen zu tragen, bei manchen ist es offensichtlich und bei anderen schlummert es wohlgehütet und bestens getarnt im Verborgenen. Niemand ist perfekt, jeder hat oder empfindet seine ureigenste, persönliche „Behinderung“, ob diese nun aus körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen herrührt. Und jedes sich lustig machen über die Andersartigkeit des anderen, kann tiefe, schmerzende Wunden in der Seele des Betroffenen hinterlassen. Wunden, die, einer Brandmark gleich, immerwährende Spuren - ob sichtbar oder unsichtbar - hinterlassen und von purer Gewalt und einer sehr tiefen Herzlosigkeit zeugen, denn nicht jeder ist in der Lage, sein Schicksal vollkommen mühelos zu (er)tragen.

Lassen Sie uns an der Andersartigkeit der anderen Menschen teilhaben, egal wie dieses „anders sein“ sich ausdrücken mag. Lassen Sie uns herzlich aufeinander zu gehen, damit es ein Miteinander gibt und wir aus dem Anders-Sein des anderen lernen und davon profitieren können. Es gibt so viel zu entdecken, was eine Bereicherung für uns alle sein könnte! Es gibt auf dieser Welt so viel zu tun und zu verändern, dass für derartigen Kinderkram keine Zeit mehr sein sollte!

Lassen Sie uns anders (!) sein, damit wir das Leben anders (!) gestalten und alle etwas zu lachen haben.

Ihre
© Gudrun Anders

Das Zitat des Tages: